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Wie sich Münchner Startups in der Corona-Krise engagieren

Bei zahlreichen Startups aus München heißt es derzeit nicht „Business as usual“ — stattdessen versuchen sie, einen Beitrag in der Corona-Krise zu leisten. Dabei geht es nicht nur um medizinische Unterstützung, sondern auch darum, Firmen, Familien oder Pflegepersonal unter die Arme zu greifen – meisten bieten sie ihre Lösungen und Services gratis an.

Zahlreiche Münchner Startups aus dem Healthcare-Bereich stellen derzeit ihre Ressourcen dem Kampf gegen COVID-19 zur Verfügung. So bietet beispielsweise Climedo Health seine web-basierte Plattform für klinische Datenerhebung inklusive Patiententagebüchern kostenfrei für Praxen, Kliniken, Institute und gemeinnützige Organisationen an, die am Coronavirus forschen. Mit solchen digitalen Patiententagebüchern können Probanden auch unter Quarantäne Symptome, Nebenwirkungen und Informationen über ihren Gesundheitszustand über ein mobiles Gerät oder einen Computer sammeln. Dies verbessert nicht nur den Datenfluss von relevanten Informationen, sondern verringert auch die Ansteckungsgefahr, die es etwa bei einem Zentrumsbesuch gäbe.

Fusionbase wiederum stellt Entwicklern und Datenwissenschaftlern einen Echtzeit-Datensatz von Corona-Fällen in Deutschland auf Landkreis-Ebene zur Verfügung. Die Daten kommen dabei von den Webseiten der jeweiligen Gesundheitsministerien der Länder, weswegen sie aktueller als die Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) sind. Sobald ein Gesundheitsministerium neue Zahlen veröffentlicht, werden diese dem Datensatz hinzugefügt. Und NUI Care, ein Spezialist für die Entwicklung von Software-Lösungen in der Pflege, bietet für die nächsten drei Monate freien Zugang zu seiner Pflege-App. Damit reagiert das Startup auf die Tatsache, dass die Pflege von Angehörigen durch die Korona-Krise massiv beeinträchtigt wird.

Hilfe auch für Helfer

Andere Startups, die selbst nicht aus dem Health-Bereich stammen, haben es sich zur Aufgabe gemacht, diejenigen zu unterstützen, die durch Corona besonders stark gefordert werden. So spendet die Online-Kantine Bella&Bona, die inzwischen auch Privathaushalte mit frischen Mahlzeiten und Lebensmittelpaketen beliefert, pro jeder verkauften Lebensmittelbox 2 Euro an das Krankenhaus in Bergamo in Italien. Niccolo Lapini, Gründer und CEO von Bella&Bona, und viele seiner Mitarbeiter kommen ursprünglich aus Italien, einige von ihnen sogar aus den Gebieten um Bergamo.

Yfood wiederum hat sich dem Wohlergehen der von Krankenschwestern, Pflegern und ÄrztInnen angenommen. Das Münchner Startup verschenkte Trinkmahlzeiten im Wert von 100.000 Euro an medizinisches Personal.

Startups helfen Unternehmen durch die Corona-Krise

Ein Angebot für alle Startups und Unternehmen hat sich die Venture-Client-Beratung 27pilots ausgedacht: Auf der Plattform startupsagainstcorona.com werden Unternehmen mit aktuellen Problemen an Startups mit entsprechenden Lösungen vermittelt. Die Anfragen und Lösungsansätze werden von den Grünwaldern geprüft und Startups mit den Unternehmen vernetzt.

Das Reise-Startup Flyla wiederum hat die durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Probleme der Landwirtschaft im Blick. Denn durch die Reisebeschränkungen fehlen derzeit Saisonarbeiter in den Landwirtschaftsbetreiben. Mit dem Online-Portal „Clever Ackern“ können sich nun Schüler, Studierende oder Menschen, die in der aktuellen Zeit ihren Job verloren haben, anmelden, um bei der Ernte zu helfen. Diese Helfer werden den auf der Plattform registrierten Landwirten in der Region vorgeschlagen, so dass diese ihren Arbeitskräftemangel beheben können. Eine ähnliche Plattform haben auch die Maschinenringe und das Landwirtschaftsministerium mit Unterstützung des Bitkom ins Leben gerufen.

Das Homeoffice im Blick

Die Herausforderungen, die das Homeoffice für Unternehmen mit sich bringt, hat Personio im Blick. Da besonders in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) oft die Lösungen für das Arbeiten von zu Hause aus fehlen, bietet das Münchner Startup derzeit eine kostenfreie Homeoffice Tracking-Lösung für Unternehmen mit 10 bis 2.000 Mitarbeitern. Diese ist Teil des neuen „HR Expert Hub“, in dem Personaler und Arbeitgeber Tipps für das HR-Management in Krisenzeiten finden.

Auch Retorio bietet seine Lösung derzeit kostenfrei an. Das Jungunternehmen bietet eine Software, die kurze Videos von Bewerbern mittels einer künstlichen Intelligenz analysiert. Die KI soll Persönlichkeitseigenschaften und das Kommunikationsverhalten der Bewerber aufdecken. Nach Angaben des Startups soll die Treffsicherheit der KI im Vergleich mit der Einschätzung mehrerer professioneller Recruiter bei über 92 Prozent liegen. Auch die Bewerbungs-Lösung von Talentcube können Firmen derzeit kostenlos nutzen: In der App können Bewerber ihre Daten und Dokumente einstellen und sich mit einer Videovorstellung dem potenziellen Arbeitgeber präsentieren. Dabei müssen sie drei vom Unternehmen vorab hinterlegte individuelle Fragen beantworten, ohne dies vorher zu kennen.

Darüber hinaus bietet FintechCube allen Interessierten einen kostenfreien Zugang zu seiner hausinternen Akademie. Eigentlich sind die Münchner als Digitalberater und Company Builder in der Fintech-Branche aktiv. Auf cubeacademy.de finden nun aber Studenten, Freelancer oder Mitarbeitern in Unternehmen Webinare zur Fortbildung in Bereichen wie Design Thinking, Kanban, Rapid Prototyping, Gamification oder Scrum.

Dem Wohlergehen der Angestellten im Homeoffice widmet sich Mindshine. Die Personal Training App des Startups hilft ihren Usern dabei, sich neue Routinen anzueignen und so effektiver und erfüllter durch den neuen Alltag in der Corona-Krise zu navigieren. Währen der COVID-19-Pandemie bieten die Münchner ihre App gratis an, der Zugang zu den Inhalten ist dabei in keiner Weise beschränkt.

Chatbots im Einsatz gegen Corona

Das KI-Startup Robo AI befasst sich mit dem Wissensstand zur Pandemie. Mit einem Corona-Informations-Bot trägt das Jungunternehmen aktuelle Informationen aus zuverlässigen Quellen wie etwa von der Weltgesundheitsorganisation zusammen. Maschinelles Lernen ermöglicht dabei, eine zielgerichtete Zusammenführung von Daten um die Antworten immer weiter zu verbessern. „Cosibot“ (COVID-19 Stay Informed Bot) soll kostenlos auf Kanälen wie Facebook Messenger, WhatsApp, Skype, oder Sprachassistenten verfügbar sein. Durch die Sprachein- und -ausgabe steht dieser Bot auch Personen mit Seh-, Lese- oder Schreibeinschränkungen zur Verfügung.

Einen anderen Bot hat ein Team aus Tech- und Legal-Begeisterten im Rahmen des Projekts #WirVsVirus entwickelt. Der Corona Legal Chatbot soll alle Fragen rund um die rechtlichen Auswirkungen um COVID-19 beantworten und damit Behörden entlasten — egal, ob sich einem Arbeitnehmer Fragen zur Entschädigung für Kinderbetreuung stellen oder ein Arbeitgeber Kurzarbeitergeld beantragen möchte.

Hilfe von Startups im Corona-Alltag

Die deutschlandweite Initiative „Wir gegen Corona“ wurde ins Leben gerufen, um Menschen aus Risikogruppen bei ihrem Alltag in häuslicher Isolation zu unterstützen. Hierzu werden auf der Internet-Plattform wirgegencorona.de und per Hotline freiwillige Helfer vermittelt, die Einkäufe und andere Besorgungen übernehmen. Als Schutz vor möglichen Betrügern wird die Identität der Helfer mit der Hilfe von IDnow automatisiert überprüft. Das Startup unterstützt diesen Prozess Pro Bono mit seiner auf künstlicher Intelligenz (KI) basierten Lösung AutoIdent.

Schüler wiederum stehen durch die COVID-19-Pandemie vor ganz anderen Problemen, denn auch wenn die Schulen in Bayern derzeit geschlossen sind, müssen sie den verpassten Unterricht irgendwann irgendwie nachholen. Einige Schulen bieten hierzu digitalen Unterricht an, doch nicht alle können dies. Der Lernapp-Anbieter Simpleclub hat daher ein kostenloses Hilfspaket für Schulen geschnürt. Hierfür können sich Lehrer oder Schulleiter bei dem Startup melden, um Gutscheincodes für ihre Schüler zu erhalten, mit denen diese kostenlos auf das Angebot von Simpleclub zugreifen können. Einen Schritt weiter geht StudySmarter — die Lernapp stellt ihre Inhalte allen Schülern kostenfrei zur Verfügung, darunter auch die Angebote des Stark-Verlags, der für seine Bücher zur Abitur-Vorbereitung bekannt ist.

Weitere Hilfsaktionen

Schwer getroffen von der Ausgangssperre sind auch KünstlerInnen, die ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Auftritte bestreiten. Für sie hat sich die Münchner Kulturszene zusammengetan: Unter anderem haben die Locations Bahnwärter Thiel, Jazzbar Vogler, Hidalgo, Trikont, Forum Humor und komische Kunst, sowie der Impact Hub München und andere das „Zuhause Festival“ ins Leben gerufen. Die Plattform unterstützt KünstlerInnen dabei, von zuhause aus ein Konzert, eine Lesung oder ähnliches live zu streamen und sammelt diese Streams zu einem digitalen Festival. Die Aufmerksamkeit können die Beteiligten nutzen, um auf eine persönliche Spendensammlung, eine größere Solidaritäts-Kampagne oder eine andere Hilfsaktion aufmerksam zu machen.

Auch viele Einzelhändler, Cafés und Restaurants sowie Dienstleister wie Friseure haben es derzeit schwer, da ihr Betrieb durch die Ausgangssperre in Bayern stark eingeschränkt oder gar ganz untersagt ist. Damit Münchner diese Betriebe unterstützen können, hat die Fotografin Bettina Theissmann die Seite „Support your locals“ eingerichtet. Dort gibt es die Möglichkeit, Gutscheine zu kaufen oder für lokale Unternehmen zu spenden, damit deren Finanzmittel nicht zur Neige gehen.