Innovatives Hochleistungsprodukt: Turnschuh aus der AMSilk-Biosteel Faser
© Adidas/ Hannah Hlavacek

AMSilk: Biotech-Spinnenseide als Game-Changer

Das Münchner Biotech-Unternehmen AMSilk wurde 2008 als Spin-off der Technischen Universität (TU) München gegründet. Seit der Gründung vor gut zwölf Jahren ist aus dem Startup ein Unternehmen mit mehr als 30 Mitarbeitern und zahlreichen Kunden auf der ganzen Welt geworden.

2017 als eines der 50 innovativsten Unternehmen weltweit ausgezeichnet, kann AMSilk als erstes und einziges Unternehmen überhaupt biotechnologisch hergestellte Spinnenseide in großem Maßstab produzieren. Das AM im Namen von AMSilk steht dabei für „Advanced Materials“ und „Silk“ bezieht sich auf die biotechnologisch hergestellte Spinnenseide. Diese Seiden-Biopolymere dienen für verschiedenste Anwendungen, unter anderem in der Luftfahrt-Industrie und in den Bereichen Medizin, Lifestyle und Kosmetik.

AMSilk: Wenn aus Bakterien Seide wird

Aber woher kam die innovative Idee, mit dem das Startup gegründet wurde? Dazu erklärt uns das Unternehmen: Im Gegensatz zur traditionellen Seide, die von Seidenraupen in großen Mengen produziert wird, stellen Spinnen nur kleine Mengen ihrer robusten Fäden her. Weder der Wissenschaft noch der chemischen Industrie war es vor der AMSilk-Gründung gelungen, Spinnenseide in einem für die industrielle Produktion notwendigen und größeren Maßstab herzustellen.

Um dieses Problem zu lösen, ging der Erfinder der Technologie, Thomas Scheibel — der damals an der TU München Professor war — einen anderen, höchst innovativen Weg: Sein patentiertes Verfahren beruht auf dem Einsatz gentechnisch veränderter E.coli-Bakterien. Die Bakterien wurden quasi umprogrammiert, sodass sie Spinnenseidenproteine produzieren. In einem speziellen Verfahren — an dessen Perfektionierung laut CEO Jens Klein über Jahre hinweg gearbeitet wurde — werden diese Eiweißmoleküle nun unter anderem zur Beschichtung von Medizinprodukten verwendet oder zu besonderen Fasern versponnen.

Technologie als Game-Changer

Wir wollten vom Geschäftsführer Jens Klein wissen, wie der Weg der Firma war — von der ungewöhnlichen Idee aus der Forschung heraus bis hin zum Erfolgsunternehmen, das AMSilk heute ist.

Unser Interviewpartner, AMSilk-CEO Jens Klein

Munich Startup: Herr Klein, wie kompliziert war es, Ihre revolutionäre Idee am Markt zu etablieren?

Jens Klein, AMSilk: Ein sehr begehrtes, aber völlig neuartiges Material in großen Mengen zu akzeptablen Preisen zu produzieren und am Markt zu etablieren, ist alles andere als trivial. Wir mussten viele Schritte entwickeln und optimieren, um große und vielfältige Märkte bedienen zu können. Unser interdisziplinäres Team hat hier Großartiges geleistet und inzwischen eine echte Innovation am Markt etabliert. Doch das ist ja nur der Anfang. Wir entwickeln viele weitere interessante Produkte — insbesondere im Bereich Faser, die schon bald in den Geschäften verfügbar sein werden.

„Potenzial, etablierte Produkte überflüssig zu machen“

Munich Startup: 2017 wurde AMSilk von der Technology Review zu einer der innovativsten Firmen weltweit gewählt. Wie fühlt sich eine solche Auszeichnung an?

Jens Klein: Dass wir als eines der 50 innovativsten Unternehmen weltweit ausgezeichnet wurden, verdeutlicht das enorme Potenzial der Seidentechnologie. Denn ein völlig neuartiges Produkt wie unsere biotechnologisch hergestellte Seide ist eben nicht nur eine innovative Idee, sondern hat das Potenzial, etablierte Produkte überflüssig zu machen und zu ersetzen – und langfristig ganze Industrien zu verändern. Unser Produkt ist ein echter Game-Changer.

Munich Startup: Als das Unternehmen 2008 gegründet wurde, gab es weniger Startup-Unterstützung als heute. Was waren für AMSilk in diesem Kontext die größten Herausforderungen?

Jens Klein: Auch 2008 gab es bereits Startup-Unterstützung, die wir auch umfangreich genutzt haben. Heute sind diese Rahmenbedingungen sicherlich besser, aber im Wesentlichen geht es darum, fehlende Expertise von außen ins Unternehmen zu holen. Dies funktioniert über Startup-Programme oder auch durch relevante Branchenexperten. Natürlich ist eine ausreichende Finanzierung mit Fokus auf unternehmerisches Handeln immer essenziell. Hier hatten wir das Glück, von Anfang an die richtigen Investoren mit an Bord zu haben. (Anm.d. Red.: Die Idee überzeugte neben dem Münchner MIG Fonds auch den Investor AT Newtec, hinter dem die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann stehen.)

„Fehlende Expertise von außen ins Unternehmen holen“

Munich Startup: Herr Klein, Sie kamen 2014 mit an Bord. Wieso zu diesem Zeitpunkt? Können Sie schildern, welche Veränderungen es dadurch in der Firma gab?

Jens Klein: AMSilk hat eine hochinnovative Technologie, die in der Lage ist, beim Umbruch etablierter Industrien hin zu einem ressourcenschonenden Wirtschaften eine wichtige Rolle zu spielen. Die Technologie allein hilft allerdings wenig, wenn man nicht auch Produkte mit Erfolg am Markt etablieren kann.

Das genau war eine meiner zentralen Aufgaben, als ich im Jahr 2014 zur AMSilk kam: Fokussierung auf marktfähige Produkte in den Bereichen Kosmetik, Textil und Medizintechnik. Und das ist ganz sicher auch für andere Startups in ähnlicher Situation essenziell. Gerade junge Unternehmen in Deutschland erfinden immer wieder neue und auch herausragende Technologien. Doch leider scheitert sehr häufig die Umsetzung solcher Ideen in marktfähige Produkte.

Die Gründe dafür sind vielfältig: oft fehlt Venture Capital, oft aber auch die notwendige Fokussierung auf marktfähige Produkte — und nicht selten fehlt gerade in diesem Bereich auch die personelle Expertise. AMSilk hat gezeigt, dass wir mit unserer hochinnovativen Technologie auch gute Umsätze und gute Margen erzielen können. Vor einem halben Jahr haben wir uns von einer unserer Sparten, der Kosmetik, getrennt und sie an den Schweizer Konzern Givaudan verkauft. Auch das war ein richtiger und notwendiger Schritt für weiteres und nachhaltiges Wachstum.

„Zusammenhalt und Fokussierung auf das Wesentliche“

Munich Startup: Was ist nach Ihrer Meinung der ausschlaggebende Faktor für eine erfolgreiche und auch nachhaltige Unternehmensentwicklung?

Jens Klein: Der entscheidende Faktor für eine erfolgreiche und nachhaltige Unternehmensentwicklung liegt in den Mitarbeitern. Zusammenhalt und die notwendige Fokussierung auf das Wesentliche — Wertgenerierung für das Unternehmen und seine Gesellschafter — sind dabei besonders wichtig.

Munich Startup: Sehen Sie sich noch als Startup?

Jens Klein: Nach vielen Jahren der Entwicklung befindet sich die AMSilk aktuell in der Kommerzialisierungsphase. Wir beliefern unsere Kunden mittlerweile im Tonnenmaßstab und viele Endprodukte sind bereits am Markt erhältlich. Operativ sehen wir uns daher eher als aktives Unternehmen im Markt, aber bei einigen anderen Aspekten sind wir sicherlich noch ein Startup.

Insbesondere die hohe Flexibilität, der hohe persönliche Einsatz jedes Mitarbeiters — auch über das eigene Aufgabengebiet hinaus — sowie der innovative Ansatz sprechen dafür.

Die Welt aktiv um neue Ideen bereichern

Munich Startup: Welchen Rat können Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben?

Jens Klein: Durchhalten, auch in schweren Zeiten. Denn die Chance, aktiv dazu beizutragen, neue Ideen und neue Produkte am Markt zu platzieren, die wiederum neue Eigenschaften haben und idealerweise unseren Planeten nicht weiter belasten, bietet sich doch nicht häufig im Leben. Oder?

Munich Startup: Das ist ein wunderbares Fazit. Vielen Dank für das Gespräch.

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