Auch im Creative Hub im Ruffinihaus spielt das Thema Kreislaufwirtschaft eine Rolle - hier die 'Creative Hub Community' von 2023.
Foto: Michael Nagy, Landeshauptstadt München

Kreis statt Krise: Wieso zirkulär Wirtschaften künftig eine Schlüsselrolle spielt

Startups können davon profitieren, wenn sie Konzepte der Kreislaufwirtschaft in ihr Geschäftsmodell integrieren. Doch wie kann das konkret aussehen? In der Kultur- und Kreativwirtschaft sind seit langem innovative Ideen und praxisnahe Konzepte für zirkuläres Wirtschaften zu finden. Das zeigt sich in Bereichen wie Produkt- und Materialdesign, in der Film- und Veranstaltungsindustrie ebenso wie in der Modebranche. Die Kultur- und Kreativwirtschaft setzt wegweisende Impulse, die branchenübergreifenden Impact liefern. Wir haben dazu ein Interview mit Susanne Mitterer, der stellvertretenden Leiterin im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München, geführt.

Munich Startup: Was heißt das eigentlich, „zirkulär wirtschaften“?

Susanne Mitterer: Unser globaler Verbrauch von Ressourcen steigt kontinuierlich – gleichzeitig sind diese verfügbaren natürlichen Ressourcen begrenzt: wir stoßen also an planetare Grenzen. „Zirkulär wirtschaften“ ist ein nachhaltiger Ansatz, bei dem Ressourcen so effizient wie möglich genutzt und Abfälle minimiert werden. Dahinter steht die Idee, dass Produkte und Materialien in einem geschlossenen Kreislauf gehalten werden, anstatt nach einmaliger Verwendung als Abfall zu enden: Genau wie in der Natur ist jeder Abfall zugleich Ausgangsmaterial für etwas Neues.

Dafür müssen Produkte von Anfang an so konzipiert werden, dass sie eine möglichst lange Lebensdauer haben, Teile später für eine Wiederverwendung geeignet sind und gegebenenfalls recycelt werden können. Das Ziel dabei ist es, einen verantwortungsvollen Umgang mit begrenzten Ressourcen zu gewährleisten, der ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt.

München bis 2035 klimaneutral

Munich Startup: Warum beschäftigt Ihr Euch gerade so intensiv mit dem Thema?

Susanne Mitterer: Der Münchner Stadtrat hat schon 2019 beschlossen, dass München bis 2035 klimaneutral sein soll. Dabei spielt das Thema Zirkularität eine Schlüsselrolle. Im November 2023 wurde der Circularity Gap Report für München veröffentlicht. Die Zahlen machen deutlich, dass wir noch am Anfang einer notwendigen Transformation stehen: im Durchschnitt verbraucht jeder Münchner 32 Tonnen jungfräuliches Material pro Jahr.

Der Bericht schätzt, dass von allen Materialien, die von der lokalen Wirtschaft jährlich verbraucht werden, 2,4% recycelte Materialien sind. Wir müssen also Wege finden, Ressourcen nicht als „Einweg-Material“ zu verwenden, sondern als wiederverwendbaren Werkstoff immer wieder neu nutzbar zu machen. In der Kultur- und Kreativwirtschaft gibt es viele spannende Lösungsansätze, beispielsweise die Circular Design Rules des Institute of Design Research in Wien. Unsere Branche muss sich also einerseits selbst verändern, kann aber gleichzeitig auch wesentlich zu der gesellschaftlichen Transformation beitragen.

Munich Startup: Wie kreislauffähig ist die Kultur- und Kreativwirtschaft?

Susanne Mitterer: Die Kreislauffähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft ist aufgrund der Heterogenität der Branche sehr differenziert zu betrachten. In einigen gestalterischen Teilbranchen wie beispielsweise in der Bildenden Kunst und im Design steigt das Bewusstsein, dass Rohstoffe nicht zwingend jungfräulich und unberührt sein müssen. Dadurch wird vermehrt auf die Wiederverwendung von Materialien und Upcycling gesetzt. Gleichzeitig stehen wir beispielsweise im Bereich Mode vor einer großen Herausforderung. Wir vom Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft haben in München daher ab 2024 vom Stadtrat den Auftrag bekommen, den Münchner Modepreis als „Fair und Sustainable Fashion Award“ neu aufstellen und dabei neben der gestalterischen Qualität von ModedesignerInnen auch technologische Nachhaltigkeitslösungen auszeichnen.

Unsere Interviewpartnerin, Susanne Mitterer, stellvertretende Leiterin im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München.

Digitale Produkte kreislauffähig und zirkulär

In der Veranstaltungsbranche wurden bundesweit spannende Pilotprojekte realisiert, die das Thema ‚Zirkulär Wirtschaften‘ für große Konzerte und Veranstaltungen umsetzen, beispielsweise das Labor Tempelhof. Hier haben die Veranstaltenden zusammen mit den Bands bei Konzerten der Ärzte und der Toten Hosen das Thema „Cradle to Cradle“ konsequent umgesetzt und geben jetzt ihre Erfahrungen und Tipps in die Szene weiter.

Digitale Medien und Produkte, die einen großen Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft ausmachen, sind in gewisser Weise kreislauffähig. Digitale Inhalte können unbegrenzt reproduziert werden, was den Bedarf an physischen Ressourcen reduziert. Viele kreative Unternehmen setzen auf kollaborative Ansätze und das Teilen von Ressourcen, sei es durch Coworking-Spaces oder durch gemeinsame Nutzung von Produktionsausrüstung. Bei dieser Art der „sharing economy“ war und ist die Kultur- und Kreativwirtschaft schon seit langem Vorreiter.

Munich Startup: Manche Unternehmen stellen keine ressourcenintensiven Produkte her, oder sind eher als Dienstleister aufgestellt. Spielt Zirkularität hier auch eine Rolle?

Susanne Mitterer: Oft schauen wir zunächst auf den CO2-Fußabdruck: wie sieht der Company-Carbon-Footprint eines Unternehmens aus? Wo können Ressourcen und Energie eingespart werden? Daneben gibt es aber auch den Handabdruck, den Impact: wie kann man zu einer positiven Änderung auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene beitragen? Gerade hier haben Kultur- und Kreativschaffende oft eine große Stärke. Als Selbständige, als UnternehmerIn kann ich überlegen, ob und wie ich durch mein Handeln andere inspiriere.

Impact und CO2-Fußabdruck

Ein konkretes Beispiel: Der junge Verlag &töchter hat sich vorgenommen, das Verlegen neu zu denken. Die Inhalte im Verlagsprogramm umfassen aktuelle gesellschaftliche und ökologische Themen unserer Zeit. Dafür haben sie eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, und sind seit letztem Jahr Preisträgerinnen des Deutschen Verlagspreises 2023. Damit leisten sie einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung und geben Impulse. Auf der anderen Seite sind Bücher als materielles Produkt weniger umweltfreundlich als man denkt: beim Recycling von Drucksachen bleiben teils bedenkliche Stoffe zurück. Die Verlegerinnen von &töchter streben eine möglichst nachhaltige Produktion ihrer Bücher an, aber wirklich streng „Cradle to cradle“ sind nur zwei Bücher. In diesem Beispiel gilt es den Impact, die Wirkung der Bücher, abzuwägen gegen die Umweltbelastung.

Munich Startup: Was braucht es, um den positiven Impact der Branche auch anderen zugänglich zu machen?

Susanne Mitterer: Die Kultur- und Kreativwirtschaft kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Etablierung zirkulären Wirtschaftens in anderen Branchen zu unterstützen. Wenn DesignerInnen frühzeitig in der Produktentwicklung eingebunden sind, können sie als Impulsgeber für innovative Designansätze wirken, in denen zum Beispiel bereits eine Wieder- oder Zweitverwendung im Produktentwicklungsprozess mitgedacht und ‑gestaltet wird.

Auch beim Thema Bewusstseinsbildung kann die Branche als Vermittler auftreten und eine Brücke zwischen Unternehmen und Verbrauchern bilden: durch Kommunikation, kreative Kampagnen, Schaffung von Emotionen und Bildern. Das macht komplexe Konzepte zugänglicher und verdeutlicht die Vorteile eines nachhaltigen Wirtschaftens und Lebens.

Auf Bundesebene läuft gerade ein Creative-Lab zum Thema „Kreislaufwirtschaft“ in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Hier werden mit Unternehmen und Kreativschaffenden neue branchenübergreifende Lösungsansätze entwickelt – cross-sektoral.

Zirkulär Wirtschaften: konkrete Schritte für Startups

Munich Startup: Was könnten erste Schritte sein, um sein eigenes Geschäftsmodell nachhaltiger und zirkulärer zu gestalten?

Susanne Mitterer: Die Umstellung auf ein nachhaltigeres oder sogar zirkuläres Geschäftsmodell erfordert oft schrittweise Anpassungen. Erste Schritte könnten zum Beispiel die Durchführung einer Ökobilanz sein. Dafür gibt es mittlerweile viele Check-Apps und CO2-Rechner. Auch die Stadt München bietet mit dem Programm Münchenklima Beratungen an, die für Unternehmen mit bis zu zehn Mitarbeitenden kostenlos sind. Das hilft zu verstehen, wo der größte Hebel in der eigenen Arbeit liegt – und wo man mit leistbarem Aufwand erste Schritte gehen kann. Wichtig ist es, hier Möglichkeiten und Wege zu suchen und „ins Tun zu kommen“, und das Thema nicht wie einen riesigen Berg zu betrachten.

Spannend wird es, wenn man zum Beispiel im Produktdesign das eigene Geschäftsmodell einmal anschaut und mutig gegen den Strich kämmt. Was passiert nach dem Gebrauch mit einem Produkt? Kann ich es modular aufbauen oder zerlegbar? Verkaufe ich einen Gegenstand an sich, oder kann ich nur den Gebrauch selbst als Leasing- oder sharing-Modell anbieten? Solche Ansätze werden gerade vielfach erprobt, beispielsweise wenn Mode zur Miete statt zum Kauf angeboten wird. Oder wenn E-Bikes so entwickelt werden, dass die einzelnen Komponenten wieder aufbereitet und neu eingesetzt werden können.

Der Schlüssel besteht nicht darin, gleich alles perfekt zirkulär zu gestalten, sondern Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil des eigenen Geschäftsmodells zu betrachten.

Nachhaltigkeit als Bestandteil des Geschäftsmodells

Munich Startup: Wo siehst du Fallstricke beim Umsetzen von zirkulären Geschäftsmodellen?

Susanne Mitterer: Beim Umsetzen von zirkulären Geschäftsmodellen gibt es viele Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Zirkuläres Wirtschaften erfordert oft eine enge Zusammenarbeit mit Lieferanten, Rücknahmesystemen und Recyclinganlagen. Die Komplexität der Lieferkette kann eine Umsetzung erschweren, insbesondere wenn diese nicht ausreichend transparent oder flexibel ist. Oder die notwendigen Rücknahmesysteme sind nicht flächendeckend vorhanden.

Und: Die Umstellung auf zirkuläres Wirtschaften kann anfänglich höhere Investitionen erfordern. Unternehmen müssen möglicherweise in neue Technologien, Recyclinginfrastrukturen oder Schulungsprogramme für Mitarbeitende und Marketingaktionen für Kunden investieren.

Eine dritte Herausforderung sind wir – die KundInnen. Wir sind als Gesellschaft gewohnt, dass Produkte und Verpackungen ohne Rücksicht auf anfallenden Abfall entwickelt wurden. Und wir müssen jetzt lernen zu akzeptieren, dass ein Buch auch wertvoll ist, das nicht in Folie eingeschweißt ist. Wir müssen bereit sein, Produkte wieder zurück in den Produktionszyklus zu bringen und nicht einfach wegzuwerfen. Und wir müssen uns von der Gewohnheit verabschieden, dass Gebrauchtes, Wiederverwertetes weniger wert ist als Neuware aus neuen Materialien. Als KreativschaffendeR, als Unternehmen muss man also auch die KundInnen mit auf den Weg der Zirkularität nehmen.

Insgesamt kommt es auf die Bereitschaft an, langfristige Ziele über kurzfristige Herausforderungen zu stellen.

Finanzielle Anreize wichtig

Munich Startup: Was muss sich in der Gesetzgebung ändern, damit Startups zirkuläres Wirtschaften besser integrieren können?

Susanne Mitterer: Ganz oben steht sicherlich die Einführung von finanziellen Anreizen wie Steuervergünstigungen, Fördermittel oder anderen finanziellen Anreize, um Startups zu motivieren, zirkulär zu handeln.

In der Filmbranche wurden zum 1. Juli 2023 ökologische Mindeststandards veröffentlicht, die eingehalten werden müssen, um eine Filmförderung zu bekommen. Das ist ein effizienter Ansatz, bei dem Filmförderung, ProduzentInnen und Sender an einem Strang gezogen haben. Dadurch entsteht jetzt auch ein neuer Markt für Unternehmen, die mit innovativen Lösungen ermöglichen, diese neuen Vorgaben zu erfüllen.

Da viele Startups global agieren, könnte auch die Entwicklung von einheitlichen Standards und Vorschriften für die zirkuläre Wirtschaft helfen. Nur wenn bereits bei der Entwicklung eines Produktes oder eines Gebäudes genau dokumentiert wird, welche Materialen wie verbaut wurden, und dabei auf eine spätere Trennbarkeit geachtet wird, können sie später zirkulär genutzt werden. Aktuell liegen diese „Lasten“ in der Verantwortung des einzelnen Unternehmens, obwohl mit zirkulärem Wirtschaften ein Mehrwert für alle entsteht.

Ein bewusster Umgang mit Ressourcen muss zum Regelfall werden, nicht nur lobenswerten Ausnahme. Also: Kreis statt Krise!