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Picus Capital verknüpft Startups mit Top-ExpertInnen aus Europa und den USA

Seit 2015 unterstützt Picus Capital GründerInnen beim Aufbau ihrer Startups. Dabei gibt der VC nicht nur Geld, sondern hilft auch mit Know-how und Kontakten. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt Partner Robin Godenrath, wie diese Unterstützung aussehen kann. Außerdem verrät er, welche kommenden Trends er für die Startup-Branche sieht und was er sich von der Münchner Szene wünscht.

Den ersten Teil des Interviews mit Picus Capital lest Ihr hier.

Munich Startup: Warum ist unternehmerisches Sparring für GründerInnen und Investor so vorteilhaft?

Robin Godenrath, Picus Capital: Angenommen, ein potentieller Gründer findet den Mobility-Markt interessant. Gleichzeitig gibt es einen Investor, der im Mobilitytech-Bereich schon sehr lange unterwegs ist und schon viele Modelle gesehen hat. Er weiß also, was die Firmen strategisch gut gemacht haben, und er hat auch gesehen, wo es vielleicht Schwierigkeiten gab. Dann ist der Austausch zwischen ihm als Experten und dem potentiellen Gründer sehr wertvoll, weil das Startup Input von der Investment-Seite bekommt. Dadurch bekommt das Startup schon früh Feedback auf das initiale Modell, findet heraus, mit welchem Produkt es an den Markt gehen kann und was dabei zu beachten ist – und das alles deutlich effizienter, da man auf einen breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen kann.

Das trifft genauso zu, wenn jemand im Finanz- oder Insurance-Bereich eine Firma gründen möchte: Dann will er oder sie mit Leuten aus der Banken- oder Versicherungsbranche sprechen. All das sind Kontakte, die wir als VC herstellen können, sodass der/die GründerIn die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt erhält und sehr fundiert gründen kann. Erst vor Kurzem haben wir unser Picus Expert Programm gestartet, durch das GründerInnen mit den Top-ExpertInnen auf VP- und C-Level-Ebene der spannendsten Firmen in Europa und den USA interagieren und deren Expertise nutzen können.

Picus Capital: “Mit vorsichtigem Optimismus wachsen”

Munich Startup: Welche Auswirkungen haben Krisen wie die Corona-Krise auf Euer Geschäft?

Robin Godenrath: Die Corona-Krise hatte im letzten Jahr vor allem auf das Fundraising-Umfeld kurzfristige aber starke Auswirkungen. Initial gab es starke Unsicherheit im Markt, Investoren waren zunächst vorsichtiger, was das Fundraising zu Beginn der Pandemie deutlich erschwert hat. Das Ganze hatte allerdings auch starke Katalysator-Effekte und hat viele Entwicklungen beschleunigt. Der Dämpfer im Fundraising hat sich dann auch schnell wieder erholt und sogar deutlich an Momentum gewonnen. Sowohl Investment-Summen als auch Bewertungen sind entweder auf dem Vor-Pandemie Stand oder deutlich gestiegen. Ähnliche Entwicklungen sieht man auf dem Aktienmarkt.

Während wir langfristig sehen, dass sich alle Sektoren erholen, gab es dennoch deutliche Auswirkungen auf bestimmte Industrien und Modelle. Für einige Firmen, zum Beispiel im Traveltech-Bereich, ist es nach wie vor schwierig, während andere Firmen durch Corona eine spannende Phase erleben, wie zum Beispiel im Bereich Remote Health. Aber allgemein wird der Erfolg einzelner Startups stark von der wirtschaftlichen Entwicklung der nächsten Jahre abhängen. Deswegen sind wir große Fans davon, mit vorsichtigem Optimismus zu wachsen. Das Wichtigste ist, dass die Firmen über die nächsten zehn Jahre nachhaltige und erfolgreiche Geschäfte aufbauen und nicht kurzfristig zu schnell unterwegs sind und so riskieren, das Geschäftsmodell zu verlieren.

Wichtige Trends sind Remote Work und Remote Medicine

Munich Startup: Seht Ihr in diesem Jahr neue Trends für die Startup-Szene?

Robin Godenrath: Remote Work ist ein großes Thema für uns. Hierbei sehe ich das Problem, dass die Leute zu Hause ein bisschen frustriert werden und die Teamkultur verloren geht, dieser Spirit in Unternehmen, der in vielen Startups sehr wichtig ist. Gleichzeitig ist dadurch, dass sehr viele MitarbeiterInnen von zu Hause arbeiten, der “Global War for Talents” noch intensiver geworden. Viele GründerInnen suchen inzwischen noch internationaler nach Talenten. Wir haben daher erst kürzlich in eine Firma, Workmotion, investiert, die Unternehmen dabei hilft, sehr einfach in vielen verschiedenen Ländern MitarbeiterInnen anzustellen.

Einen ähnlichen Trend sehen wir im Remote-Medicine-Bereich. Man hat aufgrund von Corona mehr Zeit zu Hause verbracht, musste aber viele wichtige Teile des Lebens, wie etwa Arztbesuche, nach wie vor bewältigen. Deswegen haben wir in eine Firma investiert, Avi Medical, die zum einen ihre eigenen Praxen und zum anderen alle digitalen Mittel mit einbezieht, die man nutzen kann: Von der digitalen Anamnese bis hin zur Frage, ob die Behandlung geholfen hat.

“Die DiGA wird viel verändern”

Und mit den DiGA (Anm. d. Red.: Digitale Gesundheitsanwendungen) gibt es im Healthcare-Bereich zum ersten Mal die Möglichkeit, digitale Lösungen über die Versicherung zu monetarisieren. Früher war das noch ein richtiger Kampf: Der Softwareentwickler Kaia Health musste zum Beispiel noch mit den Versicherungen selbst über die Vorteile des Digitalen diskutieren, wie z.B. Geldersparnis für die Versicherung. Die EndnutzerInnen selbst haben eine relativ niedrige Zahlungsbereitschaft für digitale Lösungen – was daran liegt, dass PatientInnen es hierzulande nicht gewohnt sind, für Gesundheitsleistungen aus eigener Tasche zu zahlen. Nun gibt es aber einen strukturierten Weg, digitale Lösungen anzubieten – und damit wird es sehr viele spannende Geschäftsmodelle geben.

Munich Startup: Wie bewertet Picus Capital denn die Startup-Szene hier in München?

Robin Godenrath: Ich glaube, die Startup-Szene in München hat in den letzten Jahren viel richtig gemacht, gerade wenn es darum geht, schon in der frühen Phase potenzielle GründerInnen zu unterstützen. Es gibt sehr viele Kollaborationen, Engagements zwischen den Universitäten und den Venture-Capital-Fonds. Und es gibt dezidierte Universitätsprogramme, die sich mit dem Thema Gründen beschäftigen, wie z.B. das CDTM oder das Manage & More von der LMU. Das sind spannende Programme, die die StudentInnen mehr in die Gründerwelt einführen. Das ist wichtig, damit sie sich auch trauen, den Schritt in die Gründung zu gehen.

“In München sind wir da Vorreiter”

Was ich sehr spannend in der Münchner Szene finde, zeigt sich durch einen Vergleich mit den USA: Dort gibt es viel mehr Produkt-GründerInnen als in Deutschland, also GründerInnen, die wirklich verstehen, wie man Produkte baut, und die gleichzeitig den notwendigen Geschäftssinn haben, um eine Firma zu gründen. Solche GründerInnen sind bei uns in Deutschland und Europa immer noch in der Unterzahl. An den Top-Universitäten in den USA gibt es dafür sogar Programme, bei uns ist das noch sehr selten. Aber im deutschen Vergleich sind wir in München diesbezüglich ein Vorreiter. Wenn man sich anschaut, welche Firmen etwa aus dem CDTM entstanden sind, dann sind das Firmen mit tiefen Value-Proposition-Produkten, die auch eine gewisse Komplexität haben. Das ist etwas, was wir in Deutschland noch mehr brauchen.

Munich Startup: Und was noch könnte besser laufen?

Robin Godenrath: Es gibt viele Firmen in den USA und Asien, die größer denken, während viele Firmen hierzulande noch zu national fokussiert sind. Wir haben in Europa mit Ländern wie Frankreich oder Italien verschiedene Sprachen, unterschiedliche regulatorische Bedingungen oder andere Mindsets. Wer vor diesem Hintergrund eine große Firma aufbauen will, muss über den Tellerrand hinaus und nicht nur über eine deutsche Lösung nachdenken. Das bedeutet auch, dass schon am Anfang, beim Teamaufbau, viel diverser gedacht werden muss. Denn mit einem internationalen Team sind Startups besser in der Lage, über europäische oder sogar globale Lösungen nachzudenken.

“Münchner Startups zögern zu sehr bei der Internationalisierung”

Ich finde es immer spannend, sich Firmen aus Litauen, Lettland, Estland oder Skandinavien anzuschauen. Diese Länder sind manchmal zu klein, um eine richtig große Firma aufzubauen, was dann wiederum oft dazu führt, dass GründerInnen von Anfang an europäisch denken. Das ist auch bei Firmen wie Klarna oder Spotify so: Deren Modelle sind skalierbar. Bei manchen Modellen ist das nicht ganz so einfach, aber dennoch müssen wir in Deutschland beim Thema Skalierbarkeit und Internationalisierung besser und schneller werden.

Munich Startup: An wen können sich Startups wenden, um mit Euch ins Gespräch zu kommen?

Robin Godenrath: Grundsätzlich kann sich jedeR bei uns melden, sowohl an unsere generelle Email-Adresse auf der Website als auch bei den verschiedenen Verantwortlichen bei Picus Capital. Wer sich ein bisschen mehr mit uns beschäftigt, kann schnell herausfinden, wer für welches Thema verantwortlich ist, und wer sich vorher über uns erkundigt hat, hinterlässt bei uns natürlich einen noch besseren Eindruck. Insbesondere, wenn wir die Person noch nicht kennen. Der beste Weg ist aber, wenn wir von jemandem eine Intro bekommen. Da ist unser Comfort-Level größer und das Vertrauen auch, besonders wenn wir positive Beziehungen zu der Person haben, die uns den Kontakt herstellt. In jedem Fall nehmen wir immer sehr gerne das Gespräch auf.