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Picus Capital: “GründerInnen müssen ein Magnet für Talent sein”

Der Münchner VC Picus Capital hat in mehr als 80 Startups in über 15 Ländern investiert, darunter auch zahlreiche Münchner Unternehmen. Dabei sucht der Investor bereits sehr früh den Kontakt zu GründerInnen und hat so schon eine Menge Erfolgsgeschichten begleitet. Im Interview erklärt Gründer Robin Godenrath, wie Picus Capital seine Investments aussucht und welche Skills ein Gründerteam besonders interessant machen.

Munich Startup: Picus Capital hat von der ersten Finanzierungsrunde im Jahr 2016 an Personio begleitet, Anfang des Jahres hat das Startup die Milliardenbewertung erreicht. Und auch viele andere Eurer (Pre-)Seed Investments – wie etwa Finn.Auto, Limehome oder Alasco – sind auf erfolgreichem Wachstumskurs. Wisst Ihr früher als andere, welche GründerInnen Erfolg haben werden? Was ist euer Geheimrezept?

Robin Godenrath, Picus Capital: Wissen tun wir es natürlich nicht. Aber wir sehen gewisse Zusammenhänge und erkennen, welche Themen und Teams eine höhere Chance haben, erfolgreicher zu sein als andere. Je früher man anfängt, mit Startups zusammenzuarbeiten, desto mehr steht noch das ganze Team im Vordergrund. Allerdings sind viele GründerInnen in diesen frühen Phasen noch alleine, zu zweit oder zu dritt – große Teile des Teams bestehen also noch gar nicht. Für uns ist es dann extrem wichtig, uns vorstellen zu können, dass die GründerInnen Top-Leute finden und super Teams aufbauen können.

Bei einem Gründer bzw. einer Gründerin ist demnach nicht nur wichtig, dass er/sie analytisch denken kann oder ein spannendes Geschäftsmodell forciert, sondern auch, dass er/sie die ganze Vision verkaufen und andere Top-Leute von ihr überzeugen kann. Und dazu kommen noch weitere Punkte: Wir wollen spannende Geschäftsbereiche unterstützen, also in große Märkte investieren. Außerdem wollen wir, dass hinter der Geschäftsidee ein klares Produkt sowie eine klare Vision stehen.

Auch der Personio-Gründer überzeugte mit seinem Skillset

Munich Startup: Lief das bei Personio auch so ab?

Robin Godenrath: Bei Personio waren wir schon sehr früh dabei. Wäre man davon ausgegangen, dass das Startup nur ein HR-Management-Tool für Onboarding und Urlaubstage bleibt, hätte man wahrscheinlich nicht erwartet, dass die Firma so groß wird. Aber dass Personio sich nun weiter mit Dienstleistungen für Payroll, Recruiting und vielen andere Bereichen ausbreitet, liegt vor allem am Skillset von Hanno (Anm. d. Red.: Hanno Renner, Gründer und CEO von Personio) und seinem Gründerteam. Sie haben da die richtigen Leute zusammengebracht.

Munich Startup: Kannst Du abschätzen, wie lange Ihr euch mit einem Team austauschen müsst, bis Ihr euch mit Eurer Einschätzung sicher sein könnt?

Robin Godenrath: Das ist unterschiedlich. In manchen Fällen kommen wir zu einer schnelleren Investmententscheidung als bei anderen, bei denen es etwas länger braucht, um die GründerInnen richtig kennenzulernen und zu verstehen. Es hilft uns sehr, wenn wir Referenzen haben oder die GründerInnen in unserem Netzwerk finden. Bei Gesprächen mit einem neuen Team diskutiert man am Anfang ausführlich das Geschäftsmodell, das Produkt und vielleicht die ersten Kunden. In diesem Prozess und während der ersten Gespräche lernt man sich dann besser kennen, versteht die Arbeitsweise und Ambitionen und bekommt dadurch das Vertrauen für eine langfristige Zusammenarbeit. Gründerteams sind am Anfang noch sehr dynamisch und finden sich teilweise erst zusammen. Daher sind für uns gewisse Unsicherheiten am Anfang normal.

Picus Capital: “Unsere Investmentphilosophie ist umfassend”

Das heißt aber auch, dass wir einen gewissen Vorteil in den späteren Investitionsrunden haben: Während wir wissen, mit welcher Art Team wir zusammenarbeiten, können andere, neue Investoren erst einmal nur die Firma bewerten und wie weit sie bezüglich des Produkts fortgeschritten ist. Das Gründerteam kennen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht so gut wie wir. Unsere Investmentphilosophie ist langfristig: Wir investieren in der ersten Runde meistens zwischen 300.000 und 1 Million Euro, in den späteren Runden können das aber auch deutlich größere Beträge werden.

Munich Startup: Gibt es neben dem Gründerteam und den Hiring-Skills noch andere Faktoren, die für Picus Capital ein erfolgreiches Startup ausmachen?

Robin Godenrath: Für uns ist ein großer und wachsender Markt sehr wichtig, sodass es sich lohnt, kontinuierlich weiter zu investieren. Gleichzeitig müssen das Märkte sein, in denen wir glauben, dass durch Software und Technologie ein signifikanter Mehrwert geschaffen werden kann. Das sind zum Beispiel Industrien wie Fintech, Proptech oder HR-Tech.

“Für uns stehen ganz klar Team, Markt und Produkt im Vordergrund”

Ein anderer wichtiger Faktor ist das Produkt. Es ist uns sehr wichtig, dass GründerInnen eine Leidenschaft für das Produkt haben. Amerika ist uns da ein bisschen voraus. Schauen wir uns zum Beispiel die Gründer von Tesla oder Facebook an: Die bauen sehr komplexe und starke Produkte, die auch gegenüber dem Wettbewerb haltbar sind. Für uns ist es ebenfalls wichtig, dass die GründerInnen ein Produkt anvisieren, das nicht einfach nachzubauen ist und dessen Erfolg nicht von Marketingstrategien abhängig ist.

Daneben gibt es die Finanzthemen, auf die wir auch viel Wert legen: Wie plant die Firma in Zukunft zu operieren? Wie sehen die Margen aus? Dabei ist auch das Timing wichtig. Man sieht immer wieder, dass manche Themen nicht funktionieren bis plötzlich ein Katalysator kommt und es dann doch abhebt. Corona hatte zum Beispiel so einen Katalysator-Effekt bei digitalen Themen, die vorher langsamer vorangeschritten sind.

Wenn ich aber drei Dinge nennen müsste, die für den Erfolg des Startups bedeutend sind, stehen für uns ganz klar Team, Markt und Produkt im Vordergrund.

“Frühe Produkte sind schwer zu bewerten”

Munich Startup: Wie könnt Ihr denn in den ganz frühen Phasen Produkte ordentlich einschätzen?

Robin Godenrath: Ein Produkt ist in den frühen Phasen nicht ganz einfach zu bewerten. Manchmal gibt es noch keinen realen Kunden, sodass wir mit vielen potentiell zahlenden Kunden, mit ExpertInnen in dem Bereich oder mit potentiellen Nutzergruppen sprechen. In die wirklichen NutzerInnen können wir uns in diesen Fällen zunächst nur hineinversetzen.

Munich Startup: Eine Daumenregel bei Investoren besagt, dass 9 von 10 Investments für sie keinen Profit bringen und dass das zehnte dann durch die Decke gehen muss, um das alles wieder auszugleichen. Ist das bei Picus Capital anders?

Robin Godenrath: Ich glaube grundsätzlich ist es richtig, dass die großen Firmen, die komplett durch die Decke gehen, einfach so hohe Multiples machen, dass sie sehr viel vom gesamten Return ausmachen. Ich denke trotzdem, dass man den Support über alle Portfolio-Startups hinweg gleichmäßig geben muss. Denn für eine Venture-Capital-Firma ist ihr Ruf mit am wichtigsten. Wenn man etwa dafür bekannt ist, dass man Firmen in schwierigeren Phasen fallen lässt, hat man in Zukunft Schwierigkeiten, die besten GründerInnen und Firmen als Portfoliounternehmen zu gewinnen.

Außerdem gibt es viele erfolgreiche Firmen, die zwischendrin auch schwierige Phasen hatten oder sogar fast pleite waren, aber am Ende trotzdem einen riesigen Erfolg hatten. Von daher denke ich, dass die erfolgreichsten zehn Prozent wahrscheinlich rund 80 Prozent des Returns ausmachen. Allerdings würde ich mich da nicht zu schnell festlegen, wer diese zehn Prozent am Ende im Portfolio sind.

“Unternehmertum beginnt nicht mit Fundraising”

Munich Startup: Ihr geht ja lieber selbst in die Akquise als darauf zu warten, dass Startups auf euch zukommen. Wie ist es dazu gekommen?

Robin Godenrath: Wir sind überzeugt, dass Unternehmertum nicht mit Fundraising beginnt, sondern mit dem Moment, wenn sich jemand über Geschäftsmodelle, Märkte, erste MitarbeiterInnen und Kunden oder strategische Partner Gedanken macht. In dieser frühen Phase, in der die Firma vielleicht noch gar nicht gegründet ist, sehen wir eine starke Value Proposition von unserer Seite. Wir glauben, dass wir hier als strategischer und unternehmerischer Sparring-Partner, der globale Trends sieht und mit vielen Firmen spricht, einen starken Input zur strategischen Entwicklung von Geschäftsmodellen geben können. Wir können aber auch bei weiteren Themen unterstützen, wie zum Beispiel dem Go-To-Market, dem Hiring, der Kundenstrategie oder bei Partnerschaften.

Die Unterstützung eines VCs kann außerdem dabei helfen, die eigene Hemmschwelle beim Gründen zu senken. Wenn man noch im alten Job darüber nachdenkt zu gründen, hat man oft nicht die Zeit, sich ausreichend mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es kostet viel Zeit, die ersten Gespräche zu führen und zu verstehen, was in anderen Märkten passiert. Das alles ist als Einzelperson teilweise gar nicht abbildbar. Für jedeN früheN GründerIn ist also der Austausch mit ExpertInnen wichtig. Deshalb sprechen wir früh mit GründerInnen ohne dabei Bedingungen aufzustellen, weil wir dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es zu mehr erfolgreichen Gründungen kommt.

“Picus Capital hilft schon früh”

Wir unterstützen GründerInnen schon früh, weil wir dann in einer sehr guten Position sind, der erste Investor zu sein. Denn wir können nicht in alle Startups investieren, die spannend sind. Teilweise ist es schwierig, in die spannendsten Firmen reinzukommen. Wenn jemand dennoch nicht mit uns zusammenarbeiten möchte, haben wir vermutlich etwas falsch gemacht und unser Support war vielleicht nicht stark genug. Für uns ist daher auch ein falscher Standard, dass man erst dann mit VCs sprechen sollte, wenn man Geld einsammeln will – das macht aus meiner Sicht schon viel früher Sinn.

Erfahrt im zweiten Teil des Interviews, wie Picus Capital GründerInnen unterstützt, welche zukünftigen Entwicklungen in der Startup-Branche der Investor erwartet und was sich Robin Godenrath von der Münchner Szene wünscht.

Maximilian Feigl

Maximilian Feigl berichtet seit 2013 über das Digital Business. Schwerpunkt des studierten Politikwissenschaftlers sind die Verknüpfung von On- und Offline-Kanälen in Marketing und Handel sowie der Wandel am Point of Sales und die Digitalisierung des Einzelhandels. Nun freut er sich auf die Münchner Startup-Szene mit ihren kreativen Köpfen.

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