Inveox: Die digitale Pathologie
Die Inveox-Gründer Maria und Dominik Sievert (Foto: Astrid Eckert / TU Muenchen)

Inveox: Die digitale Pathologie

Inveox entwickelt digitale Lösungen für Pathologie-Labore. Durch die Technik der Münchner sollen unnötige Fehler in der Diagnostik vermieden werden. Das Gründerpaar Maria und Dominik Sievert hat ein spezielles Erfolgsrezept.

Diagnose: Krebs. Nach dem ersten Schock besprechen der Arzt und sein Patient die nächsten Schritte: Behandlung, Prognose, Heilungschancen. Die Familie wird informiert, dann auch das nahe Umfeld. Wie soll es jetzt weiter gehen? Nach einigen Wochen dann eine weitere Biopsie — und vom Krebs ist plötzlich nichts mehr zu erkennen. Stattdessen findet das Labor nur gutartiges Tumorgewebe, ungefährlich. Wie kann das sein? Das Labor, in dem die beiden Proben untersucht wurden, stellt Nachforschungen an.

Zeitgleich wird einem anderen Patienten verdächtiges Gewebe entnommen. Nach der Untersuchung im Labor kann Entwarnung gegeben werden. Wochen später meldet sich der behandelnde Arzt: „Wir müssen sprechen. Ihre Probe wurde im Labor vertauscht. Sie haben Krebs.“

Im Ergebnis wurde wegen eines Fehlers in der Pathologie der eine Patient mitsamt seiner Familie völlig unnötig in eine traumatische Lage gebracht. Dem anderen Patienten wurde seine Diagnose erst mit mehreren Wochen Verspätung mitgeteilt — womöglich eine fatale Verzögerung im Kampf gegen die Krankheit.

Situationen wie diese geschehen immer wieder, sagt Maria Sievert. Gemeinsam mit Dominik Sievert, inzwischen ihr Ehemann, gründete sie im Februar 2017 das Startup Inveox.

„So ein Fall ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Verwechslungen werden im Labor noch rechtzeitig festgestellt. Es fallen dann viele Stunden an für den Pathologen und den behandelnden Arzt, um das aufzuklären. Das ist dann einfach wirtschaftlich schlecht fürs Labor. Aber es gibt eben auch Fälle, in denen der Patient länger warten muss, die falsche Diagnose an den Patienten rausgeht oder sogar nochmal operiert werden muss. Eine Prostata-Stanzbiopsie ist beispielsweise nichts, was man ständig über sich ergehen lassen möchte.“

Von allen Fehlern in der Pathologie geschehen etwa 70-80 Prozent beim Probeneingang, sagt Maria Sievert. Medizinische Proben werden verwechselt, falsch verpackt oder beim Öffnen im Labor beschädigt. Inveox arbeitet daran, die Pathologie zu digitalisieren, um solche Fehler mithilfe neuester Technologie zu vermeiden.

Pathologie 4.0

Das anfangs dreiköpfige Team ist mittlerweile zu einem Unternehmen mit 36 Vollzeitangestellten gewachsen und sitzt im Gate Garching. Das Startup entwickelt dort drei aufeinander aufbauende Produkte: Einen Probenbehälter, in dem Ärzte entnommenes Gewebe ans Labor versenden, eine Maschine, die die Probe aus dem Behälter entfernt sowie eine Softwareplattform.

Der Behälter ist in etwa so groß wie Filmdosen früher. In dem Probenbehälter mit integriertem Filter befindet sich im unteren Teil Formalin, in dem die Probe für den Transport schwimmt. Die Behälter werden im Labor von einem von Inveox entwickelten Automaten geöffnet und weiterverarbeitet. Zunächst werden die Daten der Probe erfasst, das Formalin entfernt, das Gewebe automatisiert in eine sogenannte Biopsiekassette umgepackt und fotografiert. Dabei bleibt die Probe stets im Behälter. Verwechselungen und Verunreinigungen sollen damit ausgeschlossen werden. Andere Unternehmen hätten auch schon an solchen Maschinen gearbeitet, seien aber immer vor demselben Problem gestanden, sagt Maria Sievert:

„Sie hatten immer den Ansatz, die Probe anzufassen, etwa mit einem Roboterarm. Zum einen gibt es da ein Kontaminationsrisiko. Zum anderen wird die Probe durch das Formalin brüchig und kann durch die Berührung schnell in mehrere Teile zerfallen. Als Beispiel bei einer Prostatastanze ist es wichtig, ob der Krebs am oberen oder am unteren Ende war. Das kann man bei einer zerbrochenen Probe zum Teil nicht mehr erkennen.“

Der Inveox-Behälter vermeidet durch seinen Ausgießmechanismus dieses Problem. Ein weiterer Vorteil: Labormitarbeiter müssen nicht mehr wie bisher das krebserregende Formalin manuell ausgießen.

Der Probenbehälter ist mit einer ID versehen, der Datentransfer, Tracking und Prozesssteuerung ermöglicht. Fotos, Beschreibung, Trackingdaten und einiges mehr werden dann in einer IT-Datenbank gesammelt und dem Pathologen in seinem Laborsystem bereitgestellt. Durch ein integriertes Bilderkennungsmodul im Automaten wird die Probe mithilfe spezieller Algorithmen erfasst. Im Ergebnis stellt Inveox eine digitale Lösung von der Verpackung und Beschreibung einer Gewebeprobe beim Arzt, über den Eingang im Labor bis hin zur Vorbereitung für die Untersuchung bereit: Die Technik für die Pathologie 4.0.

„Kein Startup kann ganz alleine erfolgreich werden“

Obwohl die Münchner mit ihren digitalen Pathologie-Lösungen noch nicht lange am Markt sind, wurde das Startup bereits mit Preisen überhäuft: Im Jahr 2017 gewann Inveox die meisten Gründerwettbewerbe aller deutscher Startups. 2018 kamen eine ganze Reihe weiterer Preise hinzu, darunter der Munich Startup Award. Die Teilnahme an Wettbewerben hat bei Inveox Methode, wie Dominik Sievert erzählt:

„Wettbewerbe helfen dabei, seine Ideen schnell zu schärfen. In der Jury sitzen Leute, die sich auskennen und mit ihrem Feedback challengen oder bestärken, mit ihrem Erfahrungsschatz weiterbringen können. Vor allem am Anfang war das extrem hilfreich.“

Und die öffentliche Wirkung eines Preisgewinns hat noch einen weiteren positiven Effekt:

„Nachdem wir einen Wettbewerb gewinnen, kommen immer viele Bewerber auf uns zu.“

Maria Sievert betont auch den „Netzwerkeffekt“ von Wettbewerben:

„Auf Gründerwettbewerben lernt man viele Mentoren und Förderer kennen. Gerade am Anfang ist man auf Unterstützung angewiesen. Kein Startup kann ganz alleine erfolgreich werden.“

Überhaupt legt die Gründerin großen Wert auf Netzwerkarbeit:

„Ich networke, wenn ich in der Schlange fürs Mittagessen anstehe und mit dem Vermieter unseres Gebäudes darüber rede, was für andere Startups hier in Zukunft einziehen. Jedes Gespräch, das Du mit einer Person führst, ist Networking. Wichtig ist, einfach offen zu sein, Leute kennenzulernen.“

So erzählt sie, wie sie auf dem Weg in den Urlaub an der Flughafen-Sicherheitskontrolle steht und mit der Person hinter sich ins Gespräch kommt: Ein Professor für Pathologie, wie sich bald herausstellt. Sie sagt:

„Ich werde immer wieder gefragt, was ich jungen Gründern raten würde. Da sag ich immer: Macht eure Hausaufgaben beim Netzwerken!“

Auch ihr Mann und Mitgründer plädiert für einen Blick über den Tellerrand:

„Studenten gebe ich gerne den Tipp, bewusst etwas außerhalb der notwendigen Veranstaltungen zu machen. Du weißt nie, wie Dir das mal weiterhilft.“

So hat Dominik Sievert während seines Studiums ein Praktikum in einer Patentanwaltskanzlei absolviert.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Patentanmeldungen reviewe und mir überlege, wie wir unser geistiges Eigentum schützen können. Jetzt ist es super relevant, dass ich ein Verständnis davon habe.“

Dasselbe gelte aber auch für persönliche Kontakte:

„Im Zweifelsfall ist der eine, den Du in der U-Bahn, abends in der Kneipe oder bei einer Veranstaltung von Baystartup getroffen hast, genau der, der deswegen in Dich investiert, bei Dir anfängt zu arbeiten oder einen Kundenvertrag mit Dir abschließt.“

Ein Artikel von

Munich Startup

Munich Startup ist das offizielle Startup Portal für München und die Region, das von der Landeshauptstadt München entwickelt wurde. Mitinitiatoren bzw. Kooperationspartner sind die UnternehmerTUM, das Entrepreneurship Center der LMU, das Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) und die IHK für München und Oberbayern. Träger ist die Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrum GmbH (MGH).

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