Florian Bogenschütz ist Managing Director von Wayra Deutschland.
© obs/wayra Deutschland

Wayra-Chef und Krisenmanager: Florian Bogenschütz im Interview

Im Januar ist Florian Bogenschütz seine Position als neuer Managing Director des Münchner Telefónica-Accelerators Wayra angetreten. Nur kurz darauf brach die Corona-Krise los und Bogenschütz musste gleich seine Fähigkeiten als Krisenmanager unter Beweis stellen. Wir haben den neuen Wayra-Chef gefragt, wie es ihm in den ersten Monaten ergangen ist und in welche Richtung er das Programm entwickeln möchte.

Munich Startup: Der Beginn Deiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Wayra Deutschland ist mitten in die Corona-Krise gefallen. Wie liefen Deine ersten drei Monate als Wayra-Chef?

Florian Bogenschütz: Turbulent, das kann man wohl nicht anders sagen angesichts der derzeitigen Krisensituation, die alles übertrifft, was ich bisher erlebt habe. Ich habe im Januar bei Wayra losgelegt, um die Sichtbarkeit der Wayra-Startups in der Telefónica zu stärken und den Innovation Hub zum hochmodernen Technology Lab weiterzuentwickeln. Da war von der Krise noch nichts zu spüren. Wir konnten Anfang März gerade noch unseren neuen 5G Campus in Berlin eröffnen, dann schlugen die Auswirkungen der Pandemie voll ein — alle Veranstaltungen wurden abgesagt und alle Mitarbeiter, die Startup-Teams und unsere Ansprechpartner in den Geschäftsbereichen der Telefónica saßen plötzlich im Homeoffice. Plötzlich war ich nach nur drei Monaten als Krisenmanager im Amt — denn keiner wusste, was kommen würde. Gerade zu Beginn der Krise mussten wir die Teams deshalb unter besonderen Voraussetzungen motivieren, ihnen die Unsicherheiten so gut es geht abnehmen und die Kommunikation aufrecht halten. Denn der Innovation Hub lebt von der Vernetzung und vom Austausch. Aber man muss auch sagen, dass wir relativ gut vorbereitet waren, denn wir sind heute schon komplett digital unterwegs. Wir machen jetzt tägliche Morning Check-ins per Videokonferenz, zweiwöchentliche All-Hands und legen sogar digitale Kaffeepausen ein. Mittlerweile haben viele unserer Startups richtig gute Lösungen entwickelt, die im Kampf gegen die Folgen der Pandemie eingesetzt werden.

„Unser Ziel ist es, dass Startups noch stärker und schneller bei der Telefónica zum Einsatz kommen“

Munich Startup: Vor Deiner Arbeit bei Wayra hast du Airgreets mitgegründet. Ihr habt auch eine Zeit lang in den Räumen von Wayra gearbeitet. Was hast Du in dieser Zeit gelernt, das Dir jetzt nutzt?

Florian Bogenschütz: Wayra verbindet letztlich alle Punkte in meiner bisherigen Laufbahn. Bei Airgreets habe ich jede Menge Startup-Erfahrung gesammelt — und die ist natürlich essentiell, wenn wir Startups bei der Telefónica integrieren wollen. Dank meiner Zeit als Co-Founder weiß ich ziemlich genau, wie Startups ticken, was sie brauchen und wo die Fallstricke bei der Skalierung lauern. Vor meiner Startup-Zeit war ich bei der Deutschen Telekom beschäftigt. Das Wissen darüber, wie Telekommunikationskonzerne ticken, ist der zweite Schlüssel für das Verständnis, das man an der Schnittstelle im Innovation Hub braucht.

Munich Startup: In welche Richtung willst Du Wayra führen? Was ändert sich für Startups, die mit Euch zusammenarbeiten wollen, und für die Teams, die Eure Räume nutzen?

Florian Bogenschütz: Unser Ziel ist es, dass Startups noch stärker und schneller bei der Telefónica zum Einsatz kommen. Dafür müssen wir Verständnis für die Bedürfnisse beider Seiten schaffen und die Stärken der beiden unterschiedlichen Parteien optimal ausspielen. Der Konzern hat feste Prozesse und ein erfolgreiches Geschäftsmodell, während Startups Innovationen produzieren und den großen Vorteil haben, dass sie auch scheitern dürfen. Damit beide Seiten profitieren können, müssen sowohl Startup als auch Telefónica-Mitarbeiter aufeinander zugehen. Die Geschäftsbereiche brauchen ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Startup-Lösungen keine Zeit fressenden Experimente sind, sondern gezielt Probleme beseitigen und Wettbewerbsvorteile schaffen. Zudem kann der Konzern als Auftraggeber bei den Startups in einer frühen Phase Einfluss nehmen und Lösungen mitgestalten. Startups bekommen dafür einen Kunden mit optimalen Voraussetzungen. Viele Startups — gerade in den Bereichen 5G oder Internet der Dinge — sind auf die Infrastrukturen großer Konzerne wie der Telefónica angewiesen, um ihre Lösungen in realen Umgebungen testen und einsetzen zu können. An dieser Schnittstelle profitieren beide Seiten wirklich voneinander. Wenn wir Startups bei uns aufnehmen bieten wir ihnen zunächst ein viermonatiges Programm an, in dem ein Pilotprojekt mit einer Geschäftsabteilung in der Telefónica angesetzt wird. Ziel ist es immer, dass die Telefónica nach vier Monaten Kunde des Startups geworden ist. Auf diesem Weg unterstützen wir die Startups mit allem, was sie benötigen, von der Vermittlung bei der Zusammenarbeit über die Vernetzung mit neuen Partnern bis hin zur Organisation von Finanzierungsrunden.

„Wir wollen echte belastbare Kundenbeziehungen zwischen gewachsenen Corporates und innovativen Startups etablieren“

Munich Startup: An welche Startups richtet sich Euer Angebot?

Florian Bogenschütz: Unsere Bewerbungsportale sind offen für alle. Im Kern arbeiten wir zwar insbesondere mit technologieorientierten Startups in den Bereichen 5G, Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und Cybersecurity zusammen. Darüber hinaus sind aber auch Startups interessant, die an verschiedensten Herausforderungen in den unterschiedlichen Geschäftsfeldern arbeiten, zum Beispiel in den Bereichen HR, Fintech oder Retail. Generell arbeiten wir mit allen Startups zusammen, die Lösungen für Probleme entwickeln, die der Konzern nicht von innen heraus angehen will oder kann. Dafür ist erst einmal wichtig, dass dies Mitarbeitern in den Geschäftsbereichen bewusst wird und diese Probleme bei uns landen. Ausgehend von den Problemstellungen machen wir uns auf die Suche. Auf der anderen Seite gehen wir aber auch den umgekehrten Weg und bieten innovative Lösungswege proaktiv in den Geschäftsabteilungen an, um den Mitarbeitern Impulse und Ideen an die Hand zu geben.

Munich Startup: Das Venture-Client-Modell setzt starke etablierte Unternehmen voraus, die Startups als Pilotkunden dienen können. Wie schätzt Du den Standort München hierfür ein?

Florian Bogenschütz: Mit dem Venture-Client-Modell wollen wir echte belastbare Kundenbeziehungen zwischen gewachsenen Corporates und innovativen Startups etablieren, statt lediglich auf Investmentvehikel zu setzen. Wir glauben, dass die Wirtschaft insgesamt von Startups wesentlich besser profitieren kann, wenn Unternehmen einfach anfangen, die Lösungen und Ideen der zahlreichen Startups auf dem Markt umzusetzen. Gleichzeitig ist den Startups mehr geholfen, wenn man ihnen echte Kunden an die Hand gibt. Ein Kunde mit einem echten Need und Wettbewerbsdruck im Nacken beschleunigt die Entwicklung eines Startups, das Aufträgen hinterher kommen muss, wesentlich schneller, als wenn ich Geld zum Unternehmensaufbau zur Verfügung stelle. Für dieses neuartige Zusammenspiel zwischen Geschäftsabteilungen der Corporates mit jungen Startups bietet München ein hervorragendes Ökosystem, weshalb wir unseren Innovation Hub nicht ohne Grund hier platziert haben. Allerdings ist es enorm wichtig, dass Konzerne trotz hervorragendem Standort den Blick über den Tellerrand werfen. Gerade in Zeiten der Corona-Krise wird deutlich, wie wichtig es ist, online starke Partnerschaften zu knüpfen und die Zusammenarbeit mit Kollegen, Partnern und Startups vom Homeoffice oder der ganzen Welt aus mindestens genauso erfolgreich gestalten zu können.

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