Foto: Werner Boehm - München Tourismus

Neue Mobilität: Kann München dem Verkehrskollaps noch entgehen?

Der Verkehr in deutschen Städten nimmt ständig zu. Gerade in der Boomtown München ist der Verkehrskollaps bereits Realität. Dabei hat München alle Mittel, um der Herausforderung zu begegnen. Die nächsten Jahre werden für die Zukunft der Mobilität entscheidend sein. Ein Kommentar.

Eine Lösung für die Verkehrsprobleme ist in Sicht: Flugtaxis. Auf jeder Kabarettbühne und an jedem Stammtisch hat man die Lacher auf seiner Seite, sobald das Wort ‚Flugtaxi‘ fällt. Seit die damals noch designierte Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär im März 2018 im ‚Heute Journal‘ meinte, Digitalisierung bedeute mehr als Infrastruktur und Breitbandausbau — man müsse auch an Themen wie autonomes Fahren und Flugtaxis denken, sind Flugtaxis zum deutschen Meme geworden. Viele fühlen sich dadurch bestätigt: in ihrem Wissen, dass abgehobene Politiker sich um Luftschlösser sorgen statt um echte Bedürfnisse, in ihrem Reflex gegen Neues und in ihrer Technikfeindlichkeit. Flugtaxis! Das haben wir noch nie nicht gebraucht.

Wer braucht denn sowas?

Der Umgang mit dem Thema Flugtaxis ist symptomatisch für die Diskussion um die Lösung der Verkehrsprobleme in deutschen Städten. Neue technische Ansätze werden inquisitorisch darauf befragt, ob sie denn überhaupt alle Probleme lösen könnten — Stichwort E-Scooter. Natürlich werden sie das nicht, denn auch in Zukunft werden nicht alle Pendler per Flugtaxi oder E-Scooter zur Arbeit kommen. Vielleicht handelt es sich auch wirklich um Holzwege. Nur die Zukunft wird es zeigen.

Ein ähnlich gehässiger Unterton fand sich vor rund 10 Jahren auch in der öffentlichen Diskussion zur Einführung des sogenannten Freefloating-Carsharings, also jenen Carsharings mit der Möglichkeit, die geliehenen Autos auf jedem beliebigen Parkplatz abstellen zu können: Wer braucht denn sowas?

Mit derselben Unbedingtheit, mit der technische Neuerungen verteufelt und verspottet werden, dient das Fahrrad als Heilsbringer für die Mobilität in der Stadt von morgen. Würden doch nur alle Fahrrad fahren — alle Probleme wären gelöst. Manch Münchner RadfahrerIn merkt man sein oder ihr Sendungsbewusstsein am Fahrstil an: Runter vom Radweg, ich rette gerade die Welt!

Der Stillstand droht

Die ganze Diskussion hat einen sehr deutschen und sehr rigorosen Anstrich. Aber natürlich lässt sich nicht abstreiten, dass sich schnell etwas ändern muss. Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Dimension des Problems: 2005 waren in München 667.977 Kraftfahrzeuge registriert. Ende 2018 waren es bereits 832.524. Das entspricht einem Anstieg von 25,6 Prozent. Die Einwohnerzahl Münchens stieg im selben Zeitraum um 16,8 Prozent von 1.259.677 auf 1.471.508. Sprich: München ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, der Autobestand aber noch wesentlich stärker. Bis 2040 erwartet die Stadtverwaltung einen weiteren Anstieg der Einwohnerzahl um rund ein Viertel auf 1,85 Millionen. Dazu kommt eine stetig wachsende Anzahl von PendlerInnen aus dem Umland. Mehr als 400.000 Menschen fahren jeden Tag von außerhalb Münchens zu ihrem Arbeitsplatz in der Stadt. So viele, wie in keiner anderen deutschen Stadt. Kurz gesagt: Wenn alles so weiter geht wie bisher, geht sehr bald nichts mehr.

Es wird noch voller und enger in München

München ist nicht mehr das Millionendorf, das es wahrscheinlich nie war, sondern eine Hightech-Metropole, deren weltweiter Einfluss weiter wachsen wird. Eine angemessene Mobilität ist Grundvoraussetzung dafür, dass bei allem wirtschaftlichem Erfolg auch die Lebensqualität der MünchnerInnen erhalten bleibt. Um das Problem zu lösen, wird ein ordentliches Maß Pragmatismus nötig sein. Was wir nicht brauchen, sind identitäre Grabenkämpfe zwischen Menschen, die ihr gesamtes Dasein an ihre Fortbewegungsweise binden: AutofanatikerInnen, KampfradlerInnen und militante FußgängerInnen.

Der Raum muss neu geordnet werden und dabei unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen Rechnung getragen werden. Gängelung und Verbote sind dabei nicht die Mittel, die einer weltoffenen Metropole gut zu Gesicht stehen. Stattdessen braucht es Angebote: Neue und für MVV-Abonnenten im besten Fall kostenlose Parkhäuser an den S-Bahn-Stationen. Eine S-Bahn, die so zuverlässig ist, dass PendlerInnen vom Land gerne ihr Auto stehen lassen. ‚Multimodale‘ Fortbewegung auch außerhalb der Innenstadt, etwa MVG-Räder im Umland, um zum S-Bahnhof zu gelangen. Mehr MVG-Linien auf und unter den Straßen. Mehr Busspuren. Breite, sichere Radwege. Sichere Gehwege, auf denen Kinder sich frei bewegen können ohne von Rad- oder ScooterfahrerInnen gefährdet zu werden. Parkplätze für E-Scooter. Mehr von allem. Das alles ist nicht neu und wird viel Geld kosten. Im Vorfeld der Olympiade 1972 wurde der Münchner Verkehr mit enormem Aufwand auf den Stand der Zeit gebracht. Heute brauchen wir einen neuen Kraftakt in dieser Dimension.

Und natürlich werden manche zurückstecken müssen: Parkplätze für AutofahrerInnen werden weichen. RadfahrerInnen müssen lernen, für Schwächere zu bremsen. Wir alle müssen uns daran gewöhnen, dass es noch voller und enger in München wird.

Neue Mobilität braucht neue Lösungen

Einen entscheidenden Trumpf hält München dabei in der Hand. Als Hightech-Standort, Startup-Hub und Heimat exzellenter Universitäten und Forschungseinrichtungen kann München zum Open-Air-Labor werden für neue, smarte und digitale Mobilitätslösungen. Im Rahmen des Projekts ‚Smarter Together‘ werden in München bereits neue Lösungen für die smarte Stadt erprobt. Anfang 2021 wird am Leonrodplatz das Innovations- und Gründerzentrum Munich Urban Colab eröffnet. Wissenschaft, Startups und etablierte Unternehmen werden hier an neuen Lösungen in den Bereichen Mobilität, Wohnen und Arbeiten, künstlicher Intelligenz und Energieversorgung arbeiten.

Kürzlich erst hat München sich gegen Berlin und Hamburg durchgesetzt und den Zuschlag als neuer Standort der IAA erhalten. Mit dem Wegzug aus Frankfurt am Main will sich die bisherige Automesse völlig neu erfinden und zur Mobilitätsplattform weiterentwickeln. Die Entscheidung für München bestätigt auch die Innovationskraft der Stadt im Wettbewerb mit den anderen deutschen Millionenstädten. Zusätzlich können von der IAA entscheidende Signale für die Transformation Münchens zur Smart City ausgehen.

Auch die Bundesregierung setzt auf München als Modellstadt für neue Mobilität. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat den Aufbau eines Mobilitätszentrums in der Landeshauptstadt angekündigt. Wie der Münchner Merkur berichtet, sollen 500 Millionen Euro Bundesmittel in das
„Deutsche Zentrum Mobilität der Zukunft“ fließen. Gegenüber der Zeitung sagt Scheuer:

„Wir haben viele kreative Köpfe, unglaublich gute Initiativen, Wissenschaftler, Startups, die Industrie und den Mittelstand. Jetzt brauchen wir einen großen Wurf, der das alles verbindet mit globaler Strahlkraft und einzigartig ist in Europa. Das neue Zentrum soll auf Basis neuer technologischer Möglichkeiten Antworten darauf finden, wie sich Menschen in Zukunft fortbewegen wollen und wie Waren transportiert werden.“

Damit München von den Folgen seines Wachstums nicht erdrückt wird, muss in naher Zukunft vieles richtig gemacht werden: Massiver Ausbau der Infrastruktur, Umverteilung öffentlicher Flächen unter Einbeziehung der MünchnerInnen und die Erprobung neuer technischer Möglichkeiten. Und Teil der Lösung sind unter Umständen eben auch Flugtaxis.

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