© Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft München

„Make Munich weird!“ – Interview mit Jürgen Enninger

Die Kreativ-Szene Münchens ist seit fünf Jahren um eine wichtige Einrichtung reicher: seitdem gibt es das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft. Ein guter Zeitpunkt, um zusammen mit Jürgen Enninger, dem Leiter des Kompetenzteams, Resümee über die vergangenen Jahre zu ziehen und einen Blick in die Zukunft zu werfen.


Beratung, Vernetzung, Raumsuche, Finanzierung, Sichtbarkeit – seit fünf Jahren unterstützt das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft die kreative Szene Münchens. Was hast Du Dir vor fünf Jahren einfacher vorgestellt, was hat Dich in dieser Zeit positiv überrascht?

Einfacher vorgestellt hatte ich mir die Personalauswahl – die hat extrem lange gedauert. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass es bei wirklich maximalem Einsatz (wir hatten über 1.000 Bewerbungen) von allen Seiten ein Jahr dauert, bis das Team arbeitsfähig ist. Und da hat wirklich keiner getrödelt. Gleichzeitig war es aber nach der Fülle der Bewerbungen nur verständlich, dass die Auswahl auch mit besonderer Gründlichkeit zu erfolgen hatte. Und der Erfolg des Teams beweist ja, dass die Vorgehensweise berechtigt ist.

Da ich nicht aus der Immobilienwirtschaft komme, hatte ich den meisten Respekt vor den immobilienwirtschaftlichen Aufgabenstellungen. Außerdem war natürlich eine Matrixorganisation innerhalb der Stadtverwaltung aufzubauen, das heißt Kultur-, Kommunalreferat und Referat für Arbeit und Wirtschaft zu verbinden, eine echte Herausforderung. Hier freut es mich besonders, wie freundlich, kollegial und begeistert die Kolleginnen und Kollegen aus allen beteiligten Referaten mich und das Team aufgenommen haben und wie engagiert sie uns bei unseren Aufgaben unterstützen.

Wie haben die Kreativschaffenden auf Euch als städtische Initiative reagiert? In welchen Bereichen konntet Ihr Deiner Meinung nach am meisten bewegen?

Da ich vorher für Bayern das Büro im Kompetenzzentrum des Bundes für Kultur- und Kreativwirtschaft geleitet habe, war für mich der Unterschied zum Freistaat in der Fläche sehr überraschend. Als ich durch Bayern reiste war ein Großteil der Akteure begeistert von der einfachen Zuwendung und der wirtschaftlichen Beratung. In München drückt der Schuh deutlich stärker und der Anspruch an uns als Einrichtung ist deutlich fordernder. Hohe Beratungsqualität wird nachgefragt, kompetente und nachhaltige Internationalisierungsangebote, echter fassbarer Mehrwert bei der Vernetzung. Dies bauen wir stetig in unsere Angebote ein.

Grauzonen ausleuchten und Möglichkeitsräume öffnen

Wir konnten in allen Bereichen sehr viel bewegen. Die Beratungszahlen sind konstant sehr hoch, unsere Veranstaltungen werden stark nachgefragt, die Crowdfunding-Angebote sind insbesondere deutlich im Trend. Zwei Dinge freuen mich aber persönlich am meisten: Erstens, dass wir es schaffen, auch die private Immobilienwirtschaft für die Raumbedarfe der Kultur- und Kreativwirtschaft zu sensibilisieren. Und zweitens, dass wir es schaffen, Grauzonen besser auszuleuchten und Möglichkeitsräume zu eröffnen. Denn München muss einfach ein bisschen verrückter werden. Wir haben den Slogan „Keep Austin weird!“ von der SXSW mit nach München genommen. Hier heißt es nun „Make Munich weird!“

Welche Projekte sind Dir seit Bestehen des Kompetenzteams besonders im Kopf geblieben? Und warum?

Das Ruffinihaus natürlich: Es hat in nur drei Monaten gezeigt, welche unglaubliche Energie in der Branche liegt und wurde zu einem Kristallisationspunkt der Branche mitten in der Stadt. Die transformative Kraft der Akteure war zum Greifen nah und eine Branche auf Augenhöhe mit der Automobilindustrie konnte sich mitten in der Stadt Raum schaffen. Das Ruffinihaus war damit ein großer Beitrag zum Thema Wertschätzung und Sichtbarkeit der Branche in der Stadt.

Ein Thema, das nichts mit dem Kompetenzteam zu tun hat, aber bei dem in München die innovativen Kräfte der Branche direkt greifbar wurden, war die Zuwanderungsherausforderung im Herbst 2015. Die ersten Helferinnen und Helfer am Hauptbahnhof kamen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Akteure erbrachten in München den Beweis, dass eine starke Branche in der Stadt agile Systeme schafft, die schnell Lösungszusammenhänge bei besonderen Herausforderungen baut und damit die Stadt insgesamt resilienter macht. München war in dieser Situation ein Beispiel für die sogenannten Spill-Over-Effekte der Kreativbranche auf andere Bereiche einer Stadt.

Schutzmechanismus für Kreative

Im Laufe der fünf Jahre konntet Ihr zusammen mit der Münchner Kultur- und Kreativwirtschaft auch einige Zwischennutzungsflächen wie das eben genannte Ruffinihaus am Rindermarkt bespielen. Was sagst Du zu der Kritik, dass damit nicht die Raumprobleme der Stadt gelöst werden, sondern es sich vielmehr um einen schönen Schein handelt? Welche Chancen siehst Du in Zwischennutzungs-Projekten?

Die Branche ist Meister darin mit knappen Ressourcen zu wirtschaften. Das würden sie auch ohne uns tun. Eine knappe Ressource in der Stadt ist Raum. Daher unterstützen wir die Branche dabei, mit diesen Fähigkeiten bessere Ergebnisse zu erzielen, in dem wir beraten, qualifizieren, Räume – wenn auch kurzzeitig – aufschließen. Wenn wir nicht unterstützen, erleben wir häufig Selbstausbeutung und schlechte Rahmenbedingungen für Kreativschaffende im Bereich Zwischennutzung. Wenn wir dabei sind, sind die Rahmenbedingungen deutlich besser, weil wir eine Augenhöhe herstellen. Das heißt wir sind ein Schutzmechanismus für Kreative im Rahmen der Veränderungsprozesse in der Stadt und damit ein ganz konkreter Beitrag zu mehr sozialer Marktwirtschaft. Darüber hinaus sehen auch wir die Notwendigkeit langfristiger Nutzungen und machen gerade über die Zwischennutzungen auf deren Notwendigkeit aufmerksam. Über Zwischennutzungen bekommt die Stadt Lust auf mehr und dauerhafte kultur- und kreativwirtschaftliche Nutzungen. Diese entstehen zum Beispiel gerade auf dem Kreativquartier an der Dachauer Straße.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft der Metropolregion München ist stark und wächst noch weiter – was bedeutet das für das Kompetenzteam? Welche Vision habt Ihr?

Ein ganz konkreter nächster Schritt ist die Weiterentwicklung des Kompetenzteams, um mehr Zwischennutzungen, auch in den peripheren Stadtvierteln, zu ermöglichen. Hier arbeiten wir ganz konkret daran einerseits die Netzwerke dafür zu begeistern, die Anwohner zu sensibilisieren und Räume zu recherchieren. Hier fehlen noch Mitarbeiter*innen in den Bereichen Beratung und Veranstaltungen. Ich hoffe, dass diese im nächsten Schritt zugeschaltet werden können. Für die Raumakquise erfolgte glücklicherweise eine Ergänzung. So bleibt die Qualität der Zwischennutzungen weiterhin sichergestellt. Des Weiteren wurde über die Anhörungen zum Thema Nachtkultur deutlich, dass das Kompetenzteam ein Anwalt für die Raumbedarfe und Herausforderungen im kultur- und kreativwirtschaftlichen Bereich der Nachtkultur sein sollte. Auch diese Herausforderung möchten wir gerne annehmen.

Freiräume schaffen um Energie zu entfalten

Darüber hinaus ist die Kultur- und Kreativwirtschaft in München stark international ausgerichtet. Diesem hohen Anspruch müssen wir Rechnung tragen, in dem wir die Konkurrenzfähigkeit der Branche über Markterschließungsstrategien aufschließen.

Ganz konkret wollen wir deutlich machen, dass die Branche in München in der EU  unter den Top 10 spielt und dass davon die Akteure der Branche jeden Tag über unsere Angebote profitieren können. Im Grunde wollen wir der Metropole München zeigen, wie viel Potenzial in der Branche liegt und dass es sich lohnt, das eine oder andere Mal ein Auge zuzudrücken. Denn es geht darum, Freiräume zu schaffen, damit die Branche ihre transformative Energie voll entfalten kann.


Mehr zu Jürgen Enninger und dem Kompetenzteam Kreativ- und Kulturwirtschaft

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