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Kontaktloses Bezahlen: Ist der Durchbruch jetzt da?

Der Deutsche liebt sein Bargeld — diese Binsenweisheit wurde bisher immer dann herangezogen, wenn die Frage geklärt werden sollte, warum in der Bundesrepublik so wenig mit Karte oder gar dem Handy bezahlt wird. Doch die Corona-Krise stellt auch diese alte Gewissheit in Frage. Wobei sich die Frage stellt: Kommt kontaktloses Bezahlen jetzt, um zu bleiben? Ein Kommentar.

Die Art und Weise, wie deutsche Verbraucher im Laden bezahlen, bedarf einer Revolution — oder zumindest scheinen dies manche Marktteilnehmer seit langem zu glauben. Daher sollte das mobile Bezahlen mit dem Smartphone das Bargeld an der Kasse ablösen. Bereits vor zehn Jahren wurden hierfür erste Mobile-Payment-Anbieter gegründet, in den folgenden Jahren hoben die Mobilfunkanbieter ihre Wallet-Lösungen aus der Taufe und weitere Anbieter tauchten auf. Doch keiner von ihnen konnte die Verbraucher überzeugen und nach und nach verschwanden sie vom Markt oder fristen — bis heute — ein Nischendasein. Einzig Apple und Google gelang es, sich auf dem Markt zu etablieren — und nicht etwa Paypal, das vor einigen Jahren noch als kommender Alleinherrscher der Bezahlwelt gehandelt wurde.

Damit kam auch die Festlegung auf den NFC-Standard, was viele Händler dazu veranlasste, neue Systeme anzuschaffen, um den Service anbieten zu können. Nach und nach erkannten zudem die Banken, dass die Bezahlung per NFC ja gar kein Smartphone benötigt. Spätestens als dann Girocards mit der NFC-Funktion von den Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen ausgegeben wurden, hatte sich der Fokus vom mobilen hin zum kontaktlosen Bezahlen bewegt. Für die Kreditkartenunternehmen hingegen war das alles übrigens ein alter Hut — in Großbritannien beispielsweise bot Visa bereits seit 2007 eine Contactless-Payment-Funktion an.

Kontaktloses statt mobiles Bezahlen

Was haben denn nun aber Apple und Google richtig gemacht, um diese Entwicklung mit ihren Lösungen los zu treten? Das Fazit, das aus dem Scheitern der deutschen Payment-Anbieter gezogen und seither Mantra-artig wiederholt wird, lautet: Mobile Payment alleine reicht nicht, man muss dem Kunden einen Mehrwert bieten. Zum Beispiel indem man das Bezahlen mit dem Sammeln von Treuepunkten und automatischem Einlösen von Gutscheinen kombiniert, wie Payback ziemlich erfolgreich demonstriert. Es gibt aber bis heute kein Problem, das Mobile Payment lösen könnte, denn egal ob ich als Verbraucher meinen Geldbeutel oder mein Handy aus der Tasche ziehe, das Bezahlen ist durch letzteres weder schneller noch einfacher. Der Kunde hatte schlichtweg keinerlei Anreiz, sein Verhalten zu ändern. Stattdessen blickte er auf die neuen Lösungen und fragte sich frei nach Gerhard Polt: „Braucht’s des?“

Dieses Problem haben allerdings auch Apple und Google nicht wirklich gelöst — sie hatten jedoch den Vorteil ihrer Marktmacht. Denn der finanzielle Erfolg von Apple und Google ist nicht vom Erfolg ihrer Bezahldienste abhängig. Die Konzerne können es sich also leisten, auf Zeit zu spielen. Und zudem sind sie international aktiv: Ihr Erfolg war nie vom deutschen Verbraucher abhängig.

Seit vielen Jahren nun warten Analysten auf den Durchbruch des mobilen oder wahlweise kontaktlosen Bezahlens und erklären immer wieder ein Jahr zu dem Jahr, in dem dieser nun endlich stattfinden wird. In etwa so wie der Mitschüler von früher, der sich vor jeder Mathe-Stunde sicher war, dass ein Überraschungstest geschrieben wird.

Durchbruch dank Corona-Krise?

Nun soll also die Corona-Krise den bisher fehlenden Anreiz zur Verhaltensänderung bieten. Schließlich soll Kontakt ja vermieden werden, also ist kontaktloses Bezahlen gesundheitlich gesehen sicherer als der Austausch von Bargeld. Und tatsächlich haben die kontaktlosen Bezahlungen ein neues Allzeit-Hoch erreicht: Im April sei mehr als die Hälfte aller Girocard-Zahlungen auf diese Weise durchgeführt worden, so die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Zum Vergleich: Im Dezember 2019 lag dieser Anteil noch bei 35 Prozent. Auch einzelne Händler berichten davon, dass die Kartenzahlungen deutlich zunehmen, bei Aldi Süd zum Beispiel 20 Prozent mehr Kartenzahlungen und rund ein Drittel mehr kontaktlose Bezahlvorgänge.

Ist er das, also, der Durchbruch des kontaktlosen Bezahlens? Zweifel sind angebracht. Denn danach gefragt, warum sie aktuell mehr mit Karte bezahlen, antworteten der Initiative Deutsche Zahlungssysteme e.v. (IDZ) 67 Prozent der Befragten „Aus Respekt vor dem Kassenpersonal“. 56 Prozent führten Hygienegründe als Motivation an, 45 Prozent gaben an, Abstand zum Personal halten zu wollen, und 44 Prozent bezahlen mit Karte, weil sie ihr Händler darum bittet. In der Umfrage gaben 57 Prozent aller Befragten an, angesichts der Corona-Pandemie häufiger mit Giro oder Kreditkarte zu bezahlen. Die Corona-Krise — von der wir alle hoffen, dass sie bald vorbei sein möge — ist also der Grund für den Sinneswandel der Deutschen.

Es ist wohl zu erwarten, dass es kontaktloses Bezahlen noch nicht geschafft hat, so sehr zur Gewohnheit zur werden, dass sie nicht der Rückkehr zur Vor-Corona-Routine zum Opfer fällt. Zudem steht sie unter Beobachtung: Jedes Mal, wenn die kontaktlose Bezahlung nicht klappt — und das passiert leider noch des Öfteren — hat sie in den Augen des Kunden versagt. Da hätte er ja auch gleich bar bezahlen und sich die Warterei und Peinlichkeit ersparen können.

Der Erfolg ist längst da

Dass die Verbraucher ihr Verhalten in der Krise überhaupt ändern können zeigt uns aber, dass die Möglichkeiten zum kontaktlosen Bezahlen in Deutschland schon weit verbreitet ist. Beinahe überall, wo mit Karte bezahlt werden kann, ist dies auch kontaktlos möglich. Und die Kartenterminals haben es inzwischen aus den Kaufhäusern und Supermärkten heraus zu Bäckern, Friseuren und Kiosken geschafft. Damit ist dem Contactless Payment eigentlich ganz unabhängig vom aktuellen Umfang der Nutzung der Durchbruch in Deutschland doch schon längst gelungen.

Maximilian Feigl

Maximilian Feigl berichtet seit 2013 über das Digital Business. Schwerpunkt des studierten Politikwissenschaftlers sind die Verknüpfung von On- und Offline-Kanälen in Marketing und Handel sowie der Wandel am Point of Sales und die Digitalisierung des Einzelhandels. Nun freut er sich auf die Münchner Startup-Szene mit ihren kreativen Köpfen.

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